Autoreninterview mit Tom Zai

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Der Autor Tom Zai, Erfinder des Buches "Eisenhut" bei uns im Interview!

Autorenwebsite: www.www.tomzai.ch

Leseprobe aus seinem Buch "Eisenhut"

Rezension zu dem Buch "Eisenhut"

 


 

Wir Lesen: Würdest Du dich bitte einmal unseren Lesern vorstellen?

Tom Zai: Ich bin Jahrgang 1965. Mein Name ist echt – O.k., eigentlich heisse ich Thomas. Doch die zwei mal drei Buchstaben gefallen mir einfach. Zai klingt aber schon irgendwie nach China oder Japan. Unsere ungeborenen Kinder nannten wir spasseshalber jeweils „Bon“. Im Ernst: das rätoromanische „zai“ bedeutet „tough“ in der englischen Sprache.
Ich lebe mit meiner Familie im Osten der Schweiz, am Walensee. Da arbeite ich seit 25 Jahren als Primarlehrer und unterrichte als solcher praktisch alle Fächer.
Der Schweizerische Touch des Buches – auch der Sprache – ist beabsichtigt und hat mit meinen Wurzeln zu tun, die mir wichtig sind. Authentizität bedeutet mir viel.
Musik ist ein Thema – Musik hören, machen und Konzerte besuchen. Bezüglich Genre bin ich recht offen. Am liebsten allerdings mag ich Progressive-Rock der härteren Gangart. Meine Lieblingsband ist „Porcupine Tree“ mit dem Frontmann Steven Wilson. Manchmal bastle ich selber an Songs in meinem Keller. Aktuell spiele ich in einer Ad-hoc-Band für unser neustes Schulmusical. Ich habe bekannte Neue Deutsche Welle Songs und ein paar eigene zu einem „Space-ical“ verarbeitet.
Literatur begleitet mich seit meiner Kindheit. Die Leidenschaft hatte bestimmt meine Mutter geweckt, die uns zum Beispiel den „Jim Knopf“ direkt ins Schweizerdeutsche übersetzte. Ich bevorzuge dystopische Romane, lese gerne Skurriles, Witziges und bin auch gegenüber guten Krimis nicht abgeneigt.
Ich koche sehr gerne. Am liebsten aber ist mir das Barbecue, das langsame Garen in einem Smoker. Das Grillieren spricht wohl direkt den Jäger und Sammler in meinem Stammhirn an. Gemütliche Abende mit Freunden und Familie, essen, trinken, plaudern, das ist ganz meine Sache.

 

Wir Lesen: Warum hat es über 10 Jahre gedauert bis „Eisenhut“ vollendet war?

Tom Zai: Der Faktor Zeit war sicherlich entscheidend. Meine berufliche Tätigkeit ist phasenweise recht intensiv. Wenn ich mir dann am Abend nur eine Stunde Zeit nahm zum Schreiben, war das zum Teil sehr ineffizient. Ich musste mich jeweils zuerst wieder ins eigene Buch einlesen.
Kreatives Arbeiten läuft bei mir nach dem alemannischen Prinzip der Drei-Felder-Wirtschaft ab. Das heisst, ich brauche mindestens zwei verschiedene „Baustellen“ und einen Bereich, der brach liegt. Wie schnell die einzelnen Zyklen ablaufen ist schwer vorauszusagen.
Bezüglich „Eisenhut“ war es so, dass ich den Anfang, das Thema und den Schluss der Geschichte von Anfang an glasklar vor mir gesehen hatte. Das Buch ist eine Reise durch die Schweiz und schliesslich auch durch die Zeit. Manchmal kam ich an einem Ort einfach nicht mehr weg, weil ich schlicht nicht wusste wie. Eine besondere Knacknuss war es, einigermassen glaubwürdig zu machen, dass die Welt sich Richtung Mittelalter verändert. Die „Brachzeit“ oder die „Winterruhe“ dauerte in diesem Fall mehrere Jahre. Dann kam mir die Idee mit einem Zirkus als Katalysator, als Bindeglied zwischen dem bekannten Heute und einem Jetzt, das wie das Mittelalter ist.
Kalliope schreibt in Ihrer Rezension „Die Anpreisung als 'Roadmovie in Buchform' möchte ich ergänzen um eine phantasievolle Reise zum eigenen Selbst ...“ Da trifft sie genau ins Schwarze. Diese Reise hat einfach Zeit gebraucht. Ausserdem entspricht die Familie des Protagonisten am Anfang der meiner eigenen. Ich denke, ich brauchte den nötigen zeitlichen Abstand, um das Buch zu Ende zu schreiben. Unsere Kinder sind der Kindheit mittlerweile entwachsen. Meine Frau und ich sind wieder zehn Jahre reifer geworden. Das hat es gebraucht, um den Protagonisten den für ihn so schwierigen Weg zu Ende gehen zu lassen.

 

Wir Lesen: Dein Buch ist relativ anspruchsvoll, wenn man die Einarbeitung der ganzen historischen, mythischen und bedeutenden Symbole berücksichtigt. Hattest Du nie Befürchtungen, dass das zu viel für die Leser sein könnte?

Tom Zai: Das klingt jetzt vielleicht eigenartig, aber ich hatte immer nur ein paar ganz wenige Personen als potenzielle Leser vor Augen – der wichtigste davon jedoch ich selber. Aus diesem Grund habe ich das Manuskript auch mit dem Layoutprogramm LaTeX geschrieben. Die Seiten schauten immer aus wie ein richtiges Buch. Ich las mich selber und war mein kritischster Leser überhaupt.
Ich bezeichne mein Buch gerne als „mein Kind“. Die Veröffentlichung war die Geburt, alles was davor geschehen war so etwas wie eine geistige Schwangerschaft. Mir als Mann nimmt man solche Vergleiche natürlich nicht so leicht ab. Was ich damit sagen will: Genau wie bei einem Kind geht es nicht in erster Linie darum, ob es für andere zu viel oder zu wenig sein könnte. Für mich war und ist es wichtig, dass es in sich – für mich – stimmig ist und glaubwürdig. Alles andere liegt im Auge des Betrachters. Die Symbole sind stark genug, zum Teil archaisch, so dass sie auf jeden Fall Wirkung zeigen. Welche das ist, wie gesagt, ist eine persönliche Sache.
Gerade Leute, die bisher nie Bücher aus dem Bereich Mystik, Fantasy oder auch Science-Fiction gelesen haben, lassen sich auf die Symbolkraft der Bilder ein. „Zu viel“ wird diesen Leserinnen oder Lesern allenfalls die Angst um die Figuren im Roman. Eltern oder auch Grosseltern leiden offensichtlich mit ihnen und brauchen Verschnaufpausen. Ich versuche – wie im richtigen Leben – die Schwere des Buches mit Humor oder Skurrilität aufzufangen.

 

Wir Lesen: Wieso fährt der Protagonist ausgerechnet mit dem Fahrrad und nicht per Moped, Roller usw.?

Tom Zai: Als ich mit dem Buch anfing, befand ich mich in meiner „Mountainbike-Phase“. Ich fuhr ziemlich intensiv die Berge hoch und runter. Die regelmässigen Tretbewegungen haben zudem etwas Meditatives, Beruhigendes. Die besten Einfälle hatte ich beim Radfahren.
Der Protagonist ist ja „auf dem Weg“ - zu sich selbst, zu seiner Familie, in die Vergangenheit, in eine neue Zukunft, usw. Das Velo ist langsam genug dafür. Und es funktioniert auch im Mittelalter, da sich das Problem des Treibstoffs nicht stellt. Ein Hightech-Rad des 21. Jahrhunderts passt allerdings nicht ins Mittelalter. Deswegen wird das Rad dann eine Zeitlang „aus dem Verkehr gezogen“.
Später – als ich das Cover gestaltete – wurde mir erst die Symbolkraft des Rads bewusst. Wer sich Zeit nimmt, das Bild mit den parallelen Zahnkränzen, der schmutzigen Kette auf dem Granitstein zu betrachten, kann ganz schön ins Philosophieren kommen. Ich finde, es passt einfach perfekt. Deswegen schreibe ich oft folgende

Widmung ins Buch:
Ein Zahn am Rad der Zeit
Ein Glied in der Kette
Immer in Bewegung
Immer verbunden

 

Wir Lesen: Was wünschst Du dir von Deinem Buch? Was soll es bei den Lesern bewirken?

Tom Zai: Ich wünsche mir, dass sie sich einlassen auf die Gedanken, die sie beim Lesen, nach dem Lesen beschäftigen. Der Lesespass soll nicht zu kurz kommen, die Spannung, das Hoffen auf ein gutes Ende.
Ich bin versucht, hier „die gesammelten Lebensweisheiten des Tom Zai“ wiederzugeben. Doch dann hätte ich das Buch wohl nicht schreiben müssen. Es erschliesst sich jedem und jeder in einer persönlichen Weise.
Ein, zwei Bemerkungen kann ich mir aber nicht verkneifen. Für mich ist es ein zeitkritisches Buch. Wir denken oft mit einem Steinzeitgehirn vor dem gesellschaftlichen Hintergrund des Mittelalters. Mit den heutigen Errungenschaften können wir das Mittelalter um einiges effizienter gestalten. Ein Evolutionssprung wäre aber dringend von Nöten, damit die Menschheit als Ganzes eine Chance hat.
Das Buch ist auch eine Liebeserklärung an die Familie. Das Leben ist keine Autobahn, wo dich dein Navigationsgerät jederzeit auf dem direktesten Weg einem klar definierten Ziel näher bringt. Sich einlassen auf die verschlungenen Pfade, sich dem Unvorhergesehenen stellen, die Angst, zu versagen, zu verzagen, etwas wagen, vielleicht verlieren, womöglich gewinnen, ... – es ist ein Buch über die Lebensfreude (zugegebenermassen im Buch oft die „Überlebensfreude“).

 

Wir Lesen: Dein Protagonist reist in „Eisenhut“ durch die Zeit. Wenn es einen Schalter gäbe, der für Dich die Zeit anhalten würde: Wann würdest Du ihn betätigen?

Tom Zai: Im Sinne des bereits Gesagten: niemals!

Ich wäre vermutlich versucht, es zu tun. Ich habe eben ein vielversprechendes Buch zum Thema bestellt – „Replay“ von Benjamin Stein. Doch die Konsequenzen des Betätigens eines solchen Schalters wären furchtbar. Das Leben ist Evolution. Der Protagonist reist in „Eisenhut“ ja auch nicht wirklich durch die Zeit. In meiner Vorstellung verändert sich vielmehr die Wirklichkeit (das Jetzt) in einen Zustand des Mittelalters – was hauptsächlich symbolischen Charakter hat und dramaturgisch spannende Szenen im mittelalterlichen Engadin möglich macht.
Wer den Schluss des Buches gelesen hat, weiss, dass ich letztendlich vor allem nach vorne denke. Wir erfüllen unsere Aufgabe auf einem beinahe vernachlässigbar kleinen Abschnitt des Zeitstrahls. Aber eins führt zum anderen und da ist es schon wichtig, dass nicht plötzlich einzelne anfangen, die „Endlosschleife“ zu drücken.

 

Wir Lesen: Arbeitest Du bereits an weiteren Projekten?

Tom Zai: Im Moment steht noch ein Musicalprojekt mit zwei Schulklassen an. Ein weiteres Theaterprojekt während eines Klassenlagers geht dem voraus.
Ab Sommer schreibe ich an einem neuen Musical und starte mein nächstes Buch. Ich habe viele Ideen und recht klare Vorstellungen, was Inhalt, Personen und Schauplätze betrifft. Eines sei gesagt: ich greife das Symbol des Rades wieder auf (kein Fahrrad).
Mehr will ich noch nicht verraten. Ich möchte mich aber sehr bedanken für das Interesse der „Wir-Lesen“ - Community.

Herzliche Grüsse an alle Leseratten, Tom Zai

Wir Lesen bedankt sich recht herzlich bei Tom Zai für das Interview!

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